Samstag, 6. November 2021

Interview mit der Künstlerin Edith Gräf über ihre „transrealistische“ Kunst

Berlin/Westsachsen.- Bereits mit zwölf Jahren besuchte Edith Gräf fortlaufend Kurse in Portraitzeichen und figürlichem Zeichnen, sowie Landschaftsmalerei und Architektur. Vor einigen Jahren kehrte sie nach länger Schaffenspause zur Malerei zurück. Seit 2014 ist die Künstlerin Meisterschülerin von Nik Golder (Kunstschule Bad Wimpfen) und nimmt regelmäßig an professionellen Ausstellungen teil. Heute gibt sie uns ein Interview.
Westsächsische Zeitung: Du bist die Künstlerin hinter dem Cover „Meilenstein“ der im Berliner Großraum bekannten Rockband „Wutbürger“. Wie habt ihr euch kennengelernt?
Edith Gräf: Irgendwie sind wir online übereinander gestolpert. Ihre Musik fand ich klasse und ich fragte spontan, ob sie vielleicht mal irgendwann ein Cover für ein Album bräuchten ... Ich hatte keine Ahnung, dass sie gerade kurz vor der Fertigstellung eines ebensolchen Albums waren und mein Vorschlag schlug wie eine platzierte Zeitbombe ein. Alles hat mega gut zusammengepasst, das spürten wir alle.
WSZ: Dein Künstlername ist Edeldith, deine Kunst nennst du Transrealistic Art, wie bist du darauf gekommen?
Edith Gräf: Bevor ich 2015 beschloss, künstlerisch nach langer Pause wieder aktiv zu werden, ging ich in die Lehre zu Nik Golder, einem hervorragenden Künstler und Lehrmeister, welcher in seinen jungen Jahren in der ehemaligen Sowjetunion eine antioffizielle kritische Künstlervereinigung gründete und zusammen mit dieser den Begriff des malerischen „Transrealismus“ prägte. Wenn er mit mir zusammen meine Bilder analysierte, rief er oft begeistert „das ist purer Transrealismus!“ und ich versprach ihm, dass ich sein Werk weiter fortsetzen würde, um diesen Begriff weiter in die Welt zu tragen und zum blühen zu bringen. Transrealismus sucht den Mensch in seiner zeitlosen Erscheinung, er sucht die gegensätzlichen Pole und dringt in die Schichten des menschlichen Seelenlebens ein, die nicht unmittelbar zugänglich sind. Mein Künstlername Edeldith leitet sich einfach aus meinem Vornamen Edith ab und ich beschloss irgendwann einmal, dass ich mich als Künstlerin im Internet mit einem Pseudonym besser fühle, zumal meine Bilder oft sehr verstörend und provokant wirken können: erotisch aufgeladen, gewalttätig, politisch oder traumatisierend, nicht alle Betrachter können sie auf den zweiten Blick einordnen.
WSZ: Damit wären wir bei deiner Kunst und deinen Bildern ... was meinst du damit, nicht alle können sie auf den zweiten Blick einordnen?
Edith Gräf: Grundsätzlich spiele ich gerne mit Gegensätzlichem. Zum Beispiel reiße ich Metaphern oder Symbole aus ihrem Zusammenhang und setze sie gegeneinander ein oder füge sie in einen neuen Kontext, der nicht so wirklich passen will. Ich löse gerne ambivalente Gefühle im Betrachter aus, die wir eigentlich sowieso schon in uns tragen. Das Synonym „Im trüben Teich der Seele fischen“ gefällt mir dazu ganz gut.
WSZ: Wie bekommst du die Ideen zu deinen Bildern?
Edith Gräf: Ehrlich gesagt fliegen sie mir zu, ständig hier und da ... beim Aufwachen, im Gespräch, in einem Moment ... ich muss dann nur sortieren, was wirklich wichtig ist, um zu einem Bild zu werden. Thematisch ist das ganz unterschiedlich, manchmal stelle ich Seelenzustände einer Person dar.Zum Beispiel den Kampf gegen den Krebs in „Das Andere in mir“, oder einfach Abgründe aus meiner Erfahrung meiner beruflichen Arbeit in der stationären Psychotherapie, Schwerpunkt Traumatherapie. In diesem verminten Feld ist alles voller Ambivalenz und Widersprüche: Opfer die sich als Täter fühlen, die ungeahnte Stärken entwickeln oder die Sucht, wieder und wieder das Dunkle zu suchen und zu lieben. Manche Bilder entstehen auch einfach aus einer Situation heraus. 2018 wurden mir über den Facebook Algorithmus -wenn man sich mal ein bestimmtes Video angeschaut hat, gibts immer mehr davon- sehr viele Videos zu den Massenproduktionsschlachtungen an unseren Schweinen und Kühen zugespielt, die hier hinter verschlossenen Türen Tag und Nacht ablaufen. Zur gleichen Zeit hatte ich ein Gespräch mit einem Besitzer eines Kunst- und Szenelokals, bezüglich einer möglichen Ausstellung meiner Bilder in seiner Location. Er blätterte meinen Ordner durch und meinte dann, das sei zwar handwerklich echt super, aber das könne er seinen Gästen nicht zumuten, denen würde ja sonst das Essen im Hals steckenbleiben. Da ging ich nach Hause und wusste, was für ein Bild ich zu malen hatte. Und damit der Betrachter des Bildes auch wirklich etwas spürt von dem Wahnsinn, setzte ich das Kind, welches das Schweinchen rettet, als „inneres Kind-Ich“ davor in Szene, mit nackten Füßen, wie das berühmte Mädchen von dem Napalm Krieg in Vietnam. „Flucht von Alcatraz“ nannte ich das Bild, weil auch von Alcatraz eine Flucht als unmöglich galt. Die Käuferin, die später das Bild kaufte, weil sie „schockverliebt“ war, sagte, das Mädchen auf dem Bild, das die Schweine rettet, gibt ihr Hoffnung, weil es Mitleid empfindet.
Dieses Jahr entstanden zwei Bilder, die ich eher als Psychogram unserer gesellschaftlichen Seele nennen will. Seit einigen Jahren haben wir da ja eine gewaltige Polarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft zu fast jedem Thema. So etwas beschäftigt mich unentwegt und ich spüre selber, wie ich mich auf diesen Feldern wie eine Manövriermasse fühle: mal wütend, mal verletzt, angefeindet, verachtet ... mal ziehe ich in den Kampf, mal ziehe ich mich zurück ... Wir sind gerade umgeben von sehr viel Ideologie und Hypermoral, die Kritik und andere Meinungen erstickt. Es geht um menschliche Schuld und vermeintliche Erlösung durch eine Art „Ablasshandel“. Eigentlich wie schon so oft in der Menschheitsgeschichte. Ich achte aber in meinem Schaffensprozess darauf, dass ich ganz bei meiner Intuition bleibe, das heißt, ich versuche Ratio und eigene politische Ansichten außen vor zu lassen und ganz bei meiner Intuition zu bleiben. Alles andere würde mich auch langweilen, es gibt doch nichts schrecklicheres, als andere überzeugen und missionieren zu wollen.
WSZ: Wohin entwickelt sich die Kunst gerade?
Edith Gräf: Das ist schwer zu sagen. Sie leidet an einigen ernsten Systemkrankheiten - manche davon sind nicht neu. Ganz oben in der Liga geht es nur noch um das Prinzip der Geldanlage und das Aufrechterhalten einer exquisiten „Kaste“, die unter sich bleiben möchte. Im großen Mittelfeld dagegen - in welchem wir uns bewegen- wurde der Künstler mit seinen Aufstiegsträumen als Geldeinnahmequelle gegen den früheren Kunstinteressent ausgetauscht. Galeristen bedienen heutzutage Künstler mit Messe- und Ausstellungsoptionen, das heißt der Künstler wird nicht mehr entdeckt, sondern er sponsort sich selber. Dadurch findet keinerlei Auslese mehr statt, eine kritische Auseinandersetzung mit Kunstwerken ist nicht mehr gegeben und es kommt zu einer ungewollten unschönen Auslese: ältere Künstler aus der oberen Mittelschicht können sich ihren „Traum“ leisten, jüngere und aus ärmeren Verhältnisse kommende Künstler bleiben außen vor und unentdeckt. Die Kunst verendet gerade in ihrer eigenen kleinen Blase, weil sie sich irgendwann mal vom normalen Volk abgekoppelt und verabschiedet hat. Unser Ziel sollte sein, normale Menschen wieder für Kunst zu begeistern, indem sich die Kunst wieder für die Menschen interessiert. Diesen Anspruch habe ich selbst jedenfalls an meine Kunst.
WSZ: Was ist dein Wunsch für dich als Künstlerin?
Edith Gräf: Ich bin immer auf der Suche nach neuen und gerne andersartigen Ausstellungsmöglichkeiten. Kritische Kunst muss wieder den Weg in die Herzen der Menschen finden, deswegen freue ich mich wenn mutige Menschen mit Möglichkeiten und Ideen Kontakt zu mir aufnehmen. Man findet mich über die Künstlerplattform www.artoffer.com/edeldith Oder in Facebook und Instagram unter transrealisticart.
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