Mittwoch, 6. September 2017

Migranten statt Leiharbeiter - was ist wirklich los bei VW in Zwickau?

Zwickau.- Wird Ihnen von staatlicher Seite vorgegeben, dass Sie bevorzugt sogenannte „Flüchtlinge“ einstellen sollen und wenn ja, gibt es dafür eine Quote?
Mit dieser Frage hat die Westsächsische Zeitung offenbar ins Schwarze getroffen. Gunter Sandmann, Pressesprecher von VW Sachsen, reagiert darauf sichtlich genervt und hilflos: „Ich wundere mich, dass trotz unseres Statements in der ,Freien Presse’ diese Fragen immer noch präsent sind und dass unsere Ehrlichkeit angezweifelt wird.“  Im genannten  „Statement“ bezieht sich Sandmann auf den Vorwurf eines Bundestagskandidaten, im Zwickauer Werk würden Leiharbeiter zunehmend durch Migranten ersetzt. Zwar gibt er zu, dass ausländische Studenten zum Einsatz kommen. Diese würden jedoch keine entlassenen Leiharbeiter ersetzen. Das stimme „definitiv nicht“, so seine Behauptung.VW-Mosel
Das könnte man jetzt ungeprüft glauben, wenn da nicht zwei Dinge wären. Erstens die Schummelsoftware für Diesel-PKW wurde von den VW-Managern lange Zeit verleugnet. Das trägt dem Statement des VW-Sprechers nicht gerade zur Glaubwürdigkeit bei. Zweitens gibt es mehrere verschiedene Aussagen von Mitarbeitern, die den eingangs als Frage formulierten Sachverhalt zu untermauern scheinen. So beschweren sich einige darüber, dass sie von ihren Vorgesetzten angehalten werden, die „Neuen“ anzulernen. Diese würden jedoch kein Wort Deutsch sprechen und könnten auch kaum Englisch. „Wir sind aufgefordert die Menschen in die Arbeit einzuweisen, was mit Händen und Füßen eben nicht einfach ist“, so ein Betroffener. „Die Zusatzbelastung für uns ist enorm. Diese Neuen leisten im Vergleich zu den Leiharbeitern, welche weg sind, nichts. Sie sind nur Belastung“. Ein weiterer Zeuge, der nicht genannt werden will, spricht von „Repressalien der Firmenleitung und des Betriebsrats“ gegen jeden der es wagt, öffentlich darüber zu sprechen.
Dazu sagt WV: „Die Möglichkeit für Studenten, praktische Erfahrungen zu sammeln und sich für das Studium auch eine finanzielle Aufbesserung zu erarbeiten, hat bei Volkswagen und bei Volkswagen Sachsen eine über 20-jährige Tradition. Wir arbeiten dazu mit regionalen Hochschulen und Universitäten eng zusammen. Die zunehmende Internationalisierung an den sächsischen Hochschulen spiegelt sich daher selbstverständlich auch bei dem zum Einsatz kommenden Studenten wieder. Grundsätzlich ist es so, dass die Studenten eine Immatrikulation an einer der kooperierenden Hochschulen nachweisen müssen. Der Einsatzzeitraum ist in der Regel auf die Zeiträume mit erhöhter Urlaubs- und Freizeitentnahme fixiert. Wir schaffen damit die Voraussetzung, unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in diesen Zeiträumen Urlaub mit deren Familien zu ermöglichen und erhöhte Abwesenheiten auszugleichen. Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen: Der temporäre Einsatz von Studenten hat nichts mit dem Thema Leiharbeit zu tun, sondern ist ein ganz normaler Vorgang hier bei VW Sachsen seit mehr als 20 Jahren.“
Der Bitte um ein persönliches Gespräch zur Klärung der Vorwürfe kam VW nicht nach.

Diese Fragen wurden trotz mehrmaligen Nachhakens nicht beantwortet:
- Wie viele Leiharbeiter haben Sie seit Jahresbeginn 2017 aus welchen Gründen entlassen?
- Wie viele Studierende beschäftigen bzw. beschäftigten Sie in diesem Zeitraum in Ihrem Unternehmen?
- Wie lange arbeiten Studierende im Schnitt bei Ihnen (Tage/Wochen/Monate...)?
- Aus welchen Ländern kommen diese?
- Trifft es zu, dass einige unsere Sprache nicht verstehen und es deshalb immer wieder zu Verständigungsschwierigkeiten sowie Verzögerungen bei der Produktion kommt?
- Wird Ihnen von staatlicher Seite vorgegeben, dass Sie bevorzugt sogenannte „Flüchtlinge“ einstellen sollen und wenn ja, gibt es dafür eine Quote?
- Falls dies nicht der Fall sein sollte, wie erklären Sie sich dann die Behauptungen Ihrer Mitarbeiter? Gibt es einen bestimmten Grund bzw. aktuellen Anlass dafür?

Kommentar des Autors: Die Reaktion von VW auf meine Anfrage finde ich eigenartig. Wenn an den Vorwürfen nichts dran ist, hätte man getrost darauf antworten können. Aber dieses „Statement“ macht mich jetzt doch etwas stutzig.

Text und Foto: ZPA/Olaf Thalwitzer

Diesen Artikel teilen:
Twitter-Logo82313[3]Facebook_Logo222313[3]

Keine SCHLAGZEILE mehr verpassen. Gleich hier den WSZ-NEWSLETTER bestellen.