Freitag, 12. Oktober 2018

Folter in der Psychiatrie: Zwangsbett und Elektroschock-Therapie

Rodewisch.- Die Berichte über Folter in der Psychiatrie des Sächsischen Krankenhauses (SKH) reißen nicht ab. Ruhigstellung der Patienten durch Zwangsmedikation und stundenlange Fixierungen gegen deren Willen. Schlampig erstellte Gutachten, die eine angezeigte Entlassung unnötig verzögern oder sogar verhindern. Die Liste der Vorwürfe gegen das SKH Rodewisch ist lang. Die Klinikleitung weigert sich, zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen (WSZ berichtete).
Jetzt meldet sich ein weiterer Betroffener zu Wort. Michael Trützschler stammt aus einer Bäckersfamilie im Vogtländischen Auerbach, deren Existenz seit seinem Aufenthalt in der Abteilung B7 4 des SKH, wie er sagt, bedroht ist. Sein Vorwurf: „Ich wurde in der Psychiatrie nicht nur falsch behandelt, sondern fühlte mich oft machtlos und gegen meinen Willen gefoltert.“ Damit meint der ehemalige Patient vor allem seine Fixierung auf dem mit Gurten für die Fesselung präparierten Zwangsbett (Foto rechts). Außerdem seien ihm Medikamente verabreicht worden, die heftige Nebenwirkungen hervorrufen können, so der Betroffene. Man habe ihn zunächst wegen Selbstmordgefährdung eingeliefert, ihm dann jedoch das Antiepileptikum Orfiril gegeben, das bei ihm wiederum Selbstmordgedanken ausgelöst habe. Ein Sedierungsmittel zur Ruhigstellung (Neurocil) habe zudem zu vorübergehender Impotenz geführt. All das habe er dem behandelnden Oberarzt Michael Müller mehrfach mitgeteilt. Dieser ignorierte jedoch die Einwände seines Patienten. Michael Trützschler klagt an: „Diese Klinik hat eine Euthanasiegeschichte! Ich habe mich wie zwangssterilisiert gefühlt.  Neurocil und andere Medikamente bewirken nicht nur Impotenz sondern zum Beispiel ernst zu nehmende Lebererkrankungen, an denen man sterben kann. Außerdem greift man jetzt wieder auf die umstrittene Elektroschock-Therapie zurück.“ Oberarzt Müller bestätigt in der FP: „Pro Woche werden bei uns an zwei Tagen je vier bis fünf Patienten mit Elektroschock-Therapie (EKT) behandelt. Ein Zyklus umfasst etwa zwölf EKTs. Künftig sollen mehr Patienten so therapiert werden können, auch ambulant.“ Gleichzeitig gibt er jedoch zu, dass der Wirkmechanismus der Elektroschock-Behandlung bis heute nicht hundertprozentig erforscht sei.
Für den misshandelten Patienten Michael Trützschler klingt das wie Hohn. Er sagt: „Hier findet ein psychiatrischer Missbrauch wie im Stasigefängnis Hohenschönhausen statt.“ Als er einmal wegen starker Schmerzen nicht schlafen konnte und nachts nach einem Arzt rief, wurde er ans Zwangsbett gefesselt. Die Gurte verliefen genau unter seinen Armen, unter denen er ohnehin schon einen Wundausschlag hatte (Foto links). Er bat um ein Spray ohne Alkohol und Parfüm zur Linderung. Darauf habe ihm die Pflegerin geantwortet: „Es gibt keins ohne Parfüm, und hier geht es sowieso nicht nach Ihrem Willen!“.
In einem offenen Brief fordert Michael Trützschler jetzt die Offenlegung von unzumutbaren gesellschaftlichen Zuständen in Sachsen. Dabei bezieht er sich auf seine Erfahrungen in drei Sächsischen Psychiatrien. Es habe Holocaustleugnungen, Sieg Heil Rufe über die gesamte Station und einen Antisemit gegeben, der über Juden wetterte. All dies unter den Augen vorbei gehender Pfleger, die nichts dagegen unternahmen.
Zum Thema Fixierung in der Psychiatrie schreibt Wikipedia: „Eine Fixierung gegen den natürlichen Willen der betreffenden Person erfüllt regelmäßig den Straftatbestand einer Freiheitsberaubung und ist nur zulässig, wenn ein Rechtfertigungsgrund ... vorliegt und dieser durch die Fixierung abgewendet werden kann. In diesem Falle ist eine richterliche Genehmigung erforderlich... . In zurückliegenden Zeiten diente die Fixierung auch der Therapie und der Bestrafung von Patienten (Zwangsbehandlung, Somatotherapie). Zu den Vorrichtungen zählen neben Zwangsjacken und Gurten auch Zwangsstühle und Zwangsbetten (unter anderem auch Netzbetten). Die Maßnahmen stellen einen Eingriff in die persönliche Freiheit des Patienten dar. In einer Studie des Instituts für Rechtsmedizin in München aus dem Jahre 2012 waren bei 26 untersuchten Todesfällen von gurtfixierten Patienten 22 auf die jeweilige Gurtfixierung zurückzuführen.“
Fotos(2): Privat